
BEST: Kräfte bündeln, klimaneutral werden
Prof. Dr. Johanna Myrzik, Sprecherin von BEST, dem Bremer Forschungszentrum für Energiesysteme im Interview
Von Melanie Jülisch
Das 2022 gegründete, vom Land Bremen geförderte Bremer Forschungszentrum für Energiesysteme (BEST) ist ein Zusammenschluss verschiedenster Disziplinen. Das Ziel: Unter dem Motto „Energie für Wirtschaft und Gesellschaft“ die Transformation voranzubringen, für mehr Sichtbarkeit zu sorgen – und damit auch einen wichtigen Beitrag zur Klimaneutralität zu leisten. Worum es genau geht, das erklärt Prof. Dr. Johanna Myrzik, Sprecherin von BEST, im Interview.
Prof. Dr. Johanna Myrzik und Dr. Torben Stührmann im „Virtual Transformation Lab“, der Schaltzentrale von hyBit
Wie funktioniert BEST?
An der Universität Bremen setzen sich sehr viele Fachbereiche mit Energietechnik auseinander. Wenn wir aber eine Energiewende durchführen wollen, dann reicht es nicht, mathematische, naturwissenschaftliche, technische Disziplinen und vielleicht noch wirtschaftliche zu verbinden. Auch Rechtswissenschaften, soziologische und kulturwissenschaftliche Disziplinen sollten die Kooperation ergänzen. Wir verstehen die Energiewende als Transformation eines soziotechnischen Systems. Deswegen suchen wir interdisziplinäre und transdisziplinäre Antworten in eben diesen ganzen komplexen Verknüpfungen wie Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Akzeptanz, Wettbewerbsfähigkeit von verschiedenen Energiesystemen, Versorgungssicherheit – all das hängt zusammen. Neben dieser inter- und transdisziplinären Arbeit wollen wir außerdem ein national und international sichtbarer Forschungsverbund werden. Unser verpflichtendes Motto: „Energie für Wirtschaft und Gesellschaft“.
Welche Ziele und Visionen haben Sie?
Unsere Vision ist, dass wir hier im Norden irgendwann klimaneutral sind. Das ist unser Traum. Und die Voraussetzungen sind ideal: Hier gibt es die Häfen, die Anbindungen an Wasserstoff, Wind und Off Shore-Windkraftanlagen. Wir haben Schwerindustrie, wie die Stahlindustrie in Bremen, aber auch viel Fläche, um neue Industrie anzusiedeln. Hinzu kommen die hervorragenden Speichermöglichkeiten, beispielsweise für Wasserstoff unter der Erde. Deswegen denken wir, dass wir im Norden auch für die ganze Bundesrepublik ein Beispiel geben können, wie es geht – quasi mit Vorbildcharakter. Dafür wollen wir Transformationspfade für nachhaltige Energiesysteme aufzeigen und in einer ganzheitlichen Transformationsplattform abbilden.
Der Bremer Industriehafen soll ein Wasserstoff-Hub werden.
Was haben Sie bislang erreicht?
Wir haben zum Beispiel aus diesem Konglomerat von Wissenschaftlern hier an der Uni das „hyBit“-Projekt ins Leben gerufen. Es beschäftigt sich mit der Transformation der Wasserstoffwirtschaft in Bremen und hat vor allem den Bremer Industriehafen mit dem Stahlwerk von ArcelorMittal als größter CO2-Emittent der Stadt im Blick. Unter der Leitung von Dr. Torben Stührmann, AG Resiliente Energiesysteme im FB4, haben sich elf Universitätsprofessuren und sieben außeruniversitäre Projektmitglieder, unter anderem Soziologen, Ingenieure, Kommunikationsfachleute und Klimaforschende dazu mit Fragen zur Wärmewende, neuen Infrastrukturen, Mobilität, zur Umsetzung möglicher Transformationspfade aber auch zur Klimagerechtigkeit oder zur Integration der Gesellschaft beschäftigt. Denn ganz wichtig: In der Transformationsphase geht es auch um die Einbindung von Industrie und Gesellschaft gleichermaßen. Wir denken derzeit auch über eine zweite Phase des hyBit-Projekts nach und suchen nach neuen Forschungsthemen zusammen mit unseren Projektpartnern.
Wie sehen Sie denn zurzeit die Akzeptanz für erneuerbare Energien?
Ich glaube, dass die Akzeptanz relativ hoch ist, aber es kommen natürlich Fragen auf: Wer kann sich was leisten? Wie kann es für alle bezahlbar sein? Wer sind die Profiteure, wer die Verlierer? Es geht eben auch um Gerechtigkeit. Und natürlich gibt es noch viele ungeklärte Fragen und Unsicherheiten. Selbstverständlich möchte jeder etwas für die Umwelt tun, aber viele Faktoren und Zusammenhänge sind nicht ganz klar. Es fehlt an transparenter und richtiger Information, zum Beispiel dass Sonne und Wind heute schon günstiger sind als Kohle und Gas. Gerade politische Diskussionen zur Wärmewende und zum „Heizungsgesetz“ haben für viel Unmut und Unsicherheit gesorgt. Ein Vergleich mit sparsameren Energiesystemen in anderen Ländern, beispielsweise in Schweden: Dort setzt man seit sehr vielen Jahren auf die Wärmepumpe – und die ist dann natürlich heutzutage auch viel günstiger. Vielen ist auch gar nicht bewusst, was die jeweils aktuelle Lage bedeuten könnte. Beispielsweise Preissteigerungen durch Krisen und Kriege, wie im Moment in Nahost. Denn mit Kohle und Gas sind wir von der geopolitischen Lage abhängig. Da wird jetzt eine andere Bezahlbarkeit infrage gestellt, und der Ruf nach vermeintlich günstigeren Kernkraftwerken wieder lauter. Bleibt da ja auch noch die Frage nach Sicherheit und Endlagerung.
Speziell um Information für alle geht es ja im Projekt BESTVille …
Genau, in einem Tiny House-Village möchten wir in unterschiedlichen Projekten zu erneuerbaren Energien aufklären, zeigen wie es geht, wie es funktioniert. Geplant ist die Eröffnung dieses niedrigschwelligen Angebots besonders auch für die Bevölkerung in Bremen und der Umgegend im Spätsommer. Auch neueste Trends sollen für alle Bevölkerungsschichten verstehbar sein. Und es ist natürlich auch Werbung für die Exzellenzinitiative. Ich kann mir wunderbar vorstellen, dass wir dort Summerschools machen für Studierende aus Oldenburg, Bremen und Groningen. Außerdem ist es an die Jugendarbeit angebunden. Was ich immer wieder bemerke, ist, dass viel Unwissenheit und falsches Wissen existieren. Das wollen wir zumindest damit in die richtige Richtung geradebiegen.
Was ist Ihnen für die Zukunft wichtig?
Dass wir uns weiterhin so gut vernetzen wie bisher. Das gilt besonders für den Forschungs- und Transferschwerpunkt des Landes Bremen. Wir haben von der Wissenschaftsbehörde vom Land Bremen auch den Auftrag, dafür zu sorgen, dass sich gemeinsam mit Hochschulen und der Industrie ein Forschungs- und Transfer-Schwerpunkt Energiewissenschaften hier in Bremen etabliert. International wäre es schön, über die Exzellenzinitiative noch mehr mit Groningen zusammenarbeiten. Durch die Kooperation mit dem Wuppertal-Institut, die im letzten Jahr unterzeichnet wurde, werden auch politische Aspekte und die gesamtheitliche Betrachtung von Energiesystemen in Deutschland noch stärker berücksichtigt. Gemeinsam mit dem Bremer Institut für Produktion und Logistik (BIBA) und dem Institut für integrierte Produktentwicklung (BIK) wollen wir außerdem ein interdisziplinäres Energie-Forschungslabor mit einer integrierten Forschungsplattform aufbauen, das eine Verbesserung der Forschungsinfrastruktur auf dem Campus zum Ziel hat. Alle Energiedaten könnten hier zusammenfließen und beispielsweise mit künstlicher Intelligenz noch schneller ausgewertet werden. Als Sprecherin von BEST bin ich in der übergreifenden Fachgruppe „Energiewissenschaft“ der Norddeutschen WissenschaftsministerInnenkonferenz vertreten, mit Mitgliedern aus Bremen, Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Auch dabei geht es um eine noch stärkere Zusammenarbeit im Bereich Energie – und die Vision des klimaneutralen Nordens.

